Primärer Immundefekt

Primäre Immundefekte sind angeborene Erkrankungen des Immunsystems. Die Medizin kennt inzwischen mehr als 300 unterschiedliche Krankheitsbilder, viele von ihnen zählen zu den seltenen Erkrankungen. Mehr über die Symptome, Ursachen und Therapie von primären Immundefekten.

Synonyme

Angeborener Immundefekt, Primäres Immundefizit, PID

Definition

Primaerer Immundefekt

Primäre Immundefekte sind angeborene Erkrankungen des Immunsystems, die mitunter auch erblich bedingt sein können. Die Kinder kommen also mit einem Immunsystem auf die Welt, das nicht vollständig arbeiten kann beziehungsweise fehlerhaft angelegt ist. Dadurch sind die Betroffenen einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Inzwischen kennt die Medizin mehr als 300 unterschiedliche Krankheitsbilder, die durch einen primären Immundefekt verursacht werden. Manche der Immundefekte sind so stark ausgeprägt, dass die betroffenen Kinder das 1. Lebensjahr ohne eine Stammzellentherapie nicht überleben. Die Symptome können sich aber auch erst im Laufe der Kindheit oder des Erwachsenenalters entwickeln. Oder sie werden nach Jahren einer Ärzte-Odyssee als Immundefekt erkennt. Denn die meisten primären Immundefekte sind sehr selten - und daher selbst vielen Mediziniern nicht bekannt. Einige Immundefekte sind behandelbar, andere nicht. Die erfolgversprechendsten Behandlungsmöglichkeiten bei primären Immundefiziten sind die medikamentöse Therapie mit Immunglobulinen und die Stammzelltransplantationen.

Die Funktion des Immunsystems

Die meisten Menschen kennen das Immunsystem als Schutz vor Infektionen. Die Abwehr von Krankheitserregern wie Bakterien, Viren, Pilzen oder Parasiten ist aber nur eine Aufgabe der körpereignen Abwehr. Ein gesundes Immunsystem bekämpft beispielsweise auch Krebszellen oder schützt die Körperzellen vor schädlichen Einflüssen. Ein defektes Immunsystem hingegen löst Allergien, rheumatische Erkrankungen oder andere Autoimmunerkrankungen aus.
Das Immunsystem ist ein überaus komplexes System. Zu den wichtigsten Akteuren in diesem System gehören Antikörper, B-Lymphozyten, T-Lymphozyten und deren Untergruppen sowie natürliche Killerzellen.

Antikörper

Antikörper ist ein umgangssprachlicher Begriff für die sogenannten Immunglobuline. Das ist eine große Gruppe von speziellen Eiweißen (Proteinen), die das Immunsystem nach einem Kontakt mit Krankheitserregern oder deren Bestandteilen bildet. Immunglobuline werden von den B-Lymphozyten gebildet.

B-Lymphozyten

B-Lymphozyten (kurz B-Zellen) sind eine bestimmte Gruppe von weißen Blutzellen, den Leukozyten. Im Immunsystem spielen sie eine zentrale Rolle, da sie einerseits an der Erkennung von fremden Keimen und Stoffen beteiligt sind und andererseits an der Bildung der Antikörper. B-Lymphozyten entstehen – wie alle anderen Zellen – aus Stammzellen im Knochenmark. Im Entwicklungsprozess von der Stammzelle zum Antikörper-produzierenden B-Lymphozyten können unterschiedlichste Gendefekte verschiedene Erkrankungen bedingen. Zwei Beispiele dafür sind B-Zell Non-Hodgkin-Lymphome und lymphoblastische B-Zell-Leukämie.

T-Lymphozyten

T-Lymphozyten (auch T-Zellen genannt) sind eine weitere Unterform der weißen Blutkörperchen, der Leukozyten. Diese Abwehrzellen werden ebenfalls im Knochenmark gebildet und gehören wie die B-Zellen zum erworbenen Abwehrsystem. Ihre eigentliche „Ausbildung“ erfahren sie in der Thymusdrüse, um beispielsweise Pilzinfektionen oder Virusinfektionen zu bekämpfen. Hierzu kontrollieren T-Lymphozyten die Zellmembranen von Zellen. Eigenständig sind T-Lymphozyten jedoch nicht in der Lage, Krankheitserreger zu erkennen. Dafür sind sie auf antigenpräsentierende Zellen wie beispielsweise B-Lymphozyten angewiesen. Sobald diese Zellen Krankheitserreger präsentieren, werden T-Lymphozyten aktiv.

T-Helferzellen

Eine Untergruppe der T-Lymphozyten sind die T-Helferzellen. Sie erkennen präsentierte Antigene und entscheiden, ob das körpereigene Abwehrsystem aktiv werden muss. Falls ja, geben die T-Helferzellen über sogenannte Rezeptoren Informationen an die Killerzellen weiter. Diese zerstören anschließend die infizierten oder geschädigten Zellen.

T-Suppressorzellen

Eine weitere wichtige Untergruppe der T-Lymphozyten sind die T-Suppressorzellen. Sie unterdrücken nach erfolgreicher Bekämpfung der Krankheitserreger das aktive Immunsystem. Damit werden überschießende Immunreaktionen gegen gesundes Körpergewebe (sogenannte Autoimmunreaktionen) verhindert.

T-Gedächtniszellen

T-Gedächtniszellen gehören ebenfalls zu den T-Lymphozyten. Diese wirken präventiv, indem sie Informationen über die bekämpften Krankheitserreger speichern. Sobald der gleiche Erreger wieder in den Körper eindringt, ermöglicht das „Wissen“ der T-Gedächtniszellen schnelle Abwehrmaßnahmen. Oft geht das so rasch, dass eine Infektion gar nicht bemerkt wird.

Fresszellen

Fresszellen‎ sind spezialisierte Zellen des Immunsystems, die auch als Phagozyten oder Makrophagen bezeichnet werden. Sie gehören zum angeborenen Abwehrsystem. Fresszellen umhüllen identifizierte Fremdkörper wie Krankheitserreger oder Zelltrümmer und bauen diese ab. Fresszellen gehören wie B- und T-Lymphozyten zu den weißen Blutkörperchen, den Leukozyten. Unterformen der Leukozyten sind Vorläufer-Immunzellen wie Monozyten (die sich in Makrophagen umwandeln) und Granulozyten (die sich wiederum in drei Subgruppen unterteilen lassen).

Natürliche Killerzellen

Natürliche Killerzellen‎ sind eine weitere Untergruppe der weißen Blutkörperchen, die weder zur B- noch zur T-Lymphozyten-Gruppe gehören. Sie sind wie Fresszellen Teil des angeborenen Abwehrsystems. Natürliche Killerzellen haben ihren Namen, weil sie vor allem bei Virus-infizierten oder entarteten Zellen (Krebs) den programmierten Zelltod dieser Zellen auslösen können. Mediziner bezeichnen den programmierten Zelltod als Apoptose.

Häufigkeit

Primäre Immundefekte sind glücklicherweise sehr selten. Auf 10.000 Geburten kommt etwa 1 Fall eines angeborenen Immundefektes. In Deutschland leben gegenwärtig schätzungsweise 100.000 Menschen mit einer PID. In etwa 70 Prozent der Fälle handelt es sich um Immundefekte mit einem Mangel an Antikörpern.

Da die Gesamtzahl der Erkrankten sich auf mehr als 300 Diagnosen verteilt, zählen viele der primären Immundefekte zu den seltenen Erkrankungen, den Orphan Diseases.

Symptome

Die Symptome von primären Immundefekten können sehr unterschiedlich sein. Das hängt vor allem von Art und Schwere des Immundefekts ab. Bei schweren Immundefekten zeigen sich erste Symptome häufig schon in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt. Bei leichteren angeborenen Immunerkrankungen können die Symptome zunächst durch den sogenannten Nestschutz der Mutter und das Stillen verschleiert werden. Der Nestschutz entsteht durch Immunglobuline, die während Schwangerschaft und Geburt durch die Plazenta auf den Embryo übertragen werden. Beim Stillen gehen ebenfalls mütterliche Antikörper auf den Säugling über. Mit der Muttermilch wird der Nestschutz also positiv unterstützt. Zudem gibt es Immundefekte, die sich erst im Laufe der Pubertät oder bei jungen Erwachsenen bis zum 25. Lebensjahr erstmals zeigen.

Warnzeichen für primäre Immundefizite

Jenseits der vielgestaltigen – und damit mitunter sehr schwer erkennbaren - Symptome von primären Immundefiziten gibt es zumindest eine Reihe von Warnzeichen, die den Verdacht auf eine angeborene Immunschwäche nahelegen:

  • Primäre Immundefizite bei Verwandten 1. Grades (Eltern oder Geschwister)
  • Erhöhte Anfälligkeit für schwere Infektionen: jährlich 2 oder mehr Fälle von Hirnhautentzündung, Knochenentzündung, Lungenentzündung, Gelenkentzündung, Blutvergiftung (Sepsis‎) oder Nasennebenhöhlenentzündung.
  • Mehr als 8 eitrige Mittelohrentzündungen pro Jahr
  • Unwirksamkeit von antibiotischen Therapien über einen Zeitraum von mehr als 2 Monaten
  • Komplikationen nach Impfungen mit Lebenimpfstoffen wie bei Rotaviren
  • Gedeihstörungen ohne andere erkennbare Ursache
  • Auffällige Haut- und Schleimhauterkrankungen wie anhaltende Hautpilzinfektionen oder Hautentzündungen (Erytheme) bei Neugeborenen und Säuglingen
  • Chronische Durchfälle.

Ursachen

Primäre Immundefizite sind angeboren, die Ursache liegt also in einer fehlerhaften Erbsubstanz. Wie diese DNA-Defekte entstehen, ist weitgehend ungeklärt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilt primäre Immundefekte nach ihren Ursachen in 8 Gruppen ein:

  1. Kombinierte Immundefekte, bei denen mehrere Teile des Immunsystems betroffen sind
  2. Immundefekte, die vor allem durch einen Antikörpermangel gekennzeichnet sind
  3. Immundefekte, die mit defekten T-Lymphozyten einhergehen
  4. Andere gut definierte Immundefekt-Syndrome
  5. Immundefekte mit lymphoproliferativer Erkrankung
  6. Immundefekte, assoziiert mit oder Folge einer anderen Erkrankung
  7. Komplementdefekte
  8. Defekte der Granulozyten und Makrophagen

Diagnose

Die Diagnose der meisten primären Immundefizite ist schwierig und erfolgt häufig erst nach vielen Monaten oder Jahren. Das liegt zunächst einmal daran, dass die Symptome in aller Regel sehr unspezifisch sind. Bei wiederholt auftretenden schweren Infektionen (siehe auch Warnzeichen) könnte der Verdacht naheliegen. Allerdings sind viele Immundefekte so selten, dass Ärzte diese seltenen Erkrankungen kaum kennen. Bei wiederkehrenden schweren Infektionen und anderen Warnzeichen sollte die Diagnose daher in einem Zentrum für Immunerkrankungen erfolgen.

Behandlung

Die Therapie von primären Immundefiziten erfolgt vor allem medikamentös und richtet sich nach Art und Schwere des Immundefekts.

Medikamentöse Akuttherapie und Prophylaxe

Bei gering ausgeprägten Immundefiziten kann es durchaus ausreichend sein, akute Infektionen wie bei einem gesunden Menschen mit Antibiotika, antiviralen Wirkstoffen oder Anti-Pilzmitteln zu behandeln. In der Regel erhalten Kinder mit schwach ausgeprägten Immundefiziten diese Medikamente darüber hinaus dauerhaft, um möglichen Infektionen besser vorzubeugen.

Antikörperersatzbehandlung

Viele Immundefizite verursachen einen Mangel an Antikörpern. Diese Immunglobuline können durch eine medikamentöse Therapie ersetzt werden. Je nach Art der Antikörper werden sie in regelmäßigen Abständen unter die Haut gespritzt oder als Infusion verabreicht. In der Regel ist die Antikörperersatzbehandlung lebenslang notwendig.

Stammzelltransplantation

Bei bestimmten besonders schweren Immundefekten kann eine Stammzelltransplantation das Mittel der Wahl sein. Bei diesem Eingriff werden Stammzellen aus dem Knochenmark von gesunden Spendern übertragen. Diese Therapieoption steht längst nicht allen Betroffenen zur Verfügung. Das hat mehrere Gründe. Zunächst einmal lassen sich nicht alle Formen von primären Immundefiziten mit einer Stammzelltransplantation behandeln. Dann müssen Kinder oder Jugendliche in einem Gesundheitszustand sein, der das belastende Transplantationsverfahren überhaupt gestattet. Zudem muss sich überhaupt erst ein Spender finden, dessen Stammzellen zum Erkrankten passen. Die Entscheidung über Möglichkeit, Nutzen und Risiken einer Stammzelltransplantation kann daher nur individuell getroffen werden.

Gentherapie

Gentherapeutische Ansätze zur Behandlung von primären Immundefiziten befinden sich gegenwärtig noch in einem experimentellen Stadium. Die Versuche zielen darauf ab, den fehlerhaften Abschnitt der Erbsubstanz durch gesunde Gene für Abwehrzellen zu ersetzen.

Prognose

Eine allgemeine Prognose von primären Immundefiziten ist angesichts der Unterschiedlichkeit der Erkrankungen nicht möglich. Grundsätzlich gilt aber, dass die Überlebensaussichten umso besser sind, je früher die Diagnose gestellt und eine Behandlung eingeleitet wird. So lassen sich viele Formen von Antikörpermangel durch Immunglobuline so behandeln, dass die Lebenserwartung denen gesunder Menschen gleicht.

Vorbeugung

Da primäre Immundefizite angeboren sind, lässt sich diesen Erkrankungen nicht sicher vorbeugen.

Autor: Charly Kahle

Stand: 12.09.2017

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